Ein Kanon im Parlament

Gespräch mit dem Musikwissenschaftler Hermann Rauhe über die Bedeutung des Singens für die Gesellschaft.

Professor Dr. Dr. h.c. Hermann Rauhe(72) ist nicht nur Präsident der Hochschule für Musik und Theaterin Hamburg, sondern auch Präsidentder 1999 ins Leben gerufenen Stiftung„II canto del mondo", die sich für eine Erneuerung des Singens im Alltag einsetzt.
Als Ehrenkantor des Hamburger Michels und als langjähriges Mitglied des Kirchentagspräsidiums ist er der evangelischen Kirche verbunden.

Zeitzeichen:

Beginnen wir mit dem schembar Selbstverständlichen: Was geschieht eigentlich mit einem Menschen, wenn er singt?

HERMANN RAUHE:

Singen ist eine ganz besondere Form der Selbsterfahrung, die, weit über das Stimmliche hinausgehend, alle Lebensbereiche erfasst. Seinem Grunde nach ist das Singen der Inbegriff des authentischen emotionalen Ausdrucks. Der ganze Mensch- Seele, Geist, Körper kommt zum Tönen. Egal, wie unvollkom- men oder vollkommen jemand singt: Der Körper gerät ins Schwingen. Auch das Klangerlebnis ist ein besonderes, man hört sich bewusster, gleichermaßen von innen und von außen, der Atem fließt. Insgesamt erzählen Menschen, die freiwillig singen, - Freiwilligkeit ist wichtig - dass sie sich einfach wohler fühlen.

Zeitzeichen:

Der Körper gerät ins Schwingen - was habe ich mir darunter vorzustellen?

HERMANN RAUHE:

Beim Singen kann man erleben, wie der ganze Körper zum Resonanzraum der Stimme wird. Das heißt, man spürt sich anders als sonst. Vielleicht kann man das am Vokalsingen erklären (beginnt zu singen): Bei „i" schwingt der Kopfraum, das Gehirn mit, bei „e" der Hals, bei „o" das Herz,bei „u" der Unterleib. Ich selber setze das Vokalsingen gezielt zur Schmerzlinderung ein. In Estland gibt es Musiktherapeuten, die mit solchen Resonanztherapien erstaunliche Erfolge haben.

Zeitzeichen:

"Singen ist die eigentliche Muttersprache aller Menschen." Diese Aussage von Sir Yehudi Menuhin ist das Credo der von Ihnen ins Leben gerufenen Stiftung zur Förderung einer Alltagskultur des Singens, II canto del mondo. Was bedeutet das?

HERMANN RAUHE:

Zunächst meinte Menuhin, dass jeder Mensch ein zutiefst musikalisches Wesen ist. Schon im Körperlichen, Herzschlag, in den Bewegungsabläufen liegt Rhythmus. Die Tatsache, dass das menschliche Gehör schon viereinhalb Monate vor der Geburt fertig entwickelt ist, trägt zu einer frühen Sensibilisierung des Hörens bei, was die Grundvoraussetzung jeder musikalischen Äußerung ist. Dann ist es eine Tatsache, dass Menschen singen können, bevor sie zu sprechen beginnen. Die ersten Lebensäußerungen des Menschen sind das Schreien und das Lallen - beides ist dem Singen verwandt. Das Sprechen braucht Worte, ein Denken in Begriffen. Singend kann man sich mit einem Kind schon verständigen. bevor es zu sprechen beginnt. Im Singen sind alle Gefühle auch ohne Worte schon ausdrücklich. Deswegen ist Singen die Muttersprache aller Menschen.

Zeitzeichen:

Dann gibt es keine unmusikalischen Menschen?

HERMANN RAUHE:

Es gibt keine Menschen, die nicht singen können. Es können nicht alle gleich gut singen, aber jeder hat seine ganz persönliche Art zu singen.

Zeitzeichen:

canto del mondo ist gegründet worden,um eine lebendige Alltagskultur des Singens zu fördern. Was ist das?

HERMANN RAUHE:

Wir meinen damit im Sinne Menuhins das alltägliche Singen, bei dem Menschen aus Lebensfreude und zur Steigerung des Wohlbefindens miteinander singen. Jedenfalls ist nicht das darbietende Singen auf der Bühne gemeint.

Zeitzeichen:

Wo sind die gesellschaftlichen Orte einer solchen Alltagskultur?

HERMANN RAUHE:

In der Familie, im Kindergarten, in der Schule. Überall, wo Menschen zusammenkommen, sollte gesungen werden. Zum Abschluss von Konferenzen könnte gesungen werden, zur Entspannung in schwierigen Verhandlungen. Warum sollte im Parlament zwischendurch nicht mal ein Kanon gesungen werden? Bei Festen sowieso. Früher war das selbstverständlich. In anderen Kulturen, anderen Ländern ist dies heute noch. Schon in Skandinavien hat das Singen einen ganz organischen Platz im Alltag.

Zeitzeichen:

Und in Deutschland bat das Singen keinen Platz im Alltag?

HERMANN RAUHE:

Nein. Stellen Sie sich vor, Sie würden morgens in der U-Bahn zu singen beginnen. Die Menschen würden Sie doch für verrückt halten, jedenfalls für seltsam. Es gibt eine regelrechte Sing-Scham in Deutschland. Es ist peinlich, zu singen. Singen ist aus dem öffentlichen Raum verbannt worden, wurde gewissermaßen privatisiert. Man singt vielleicht noch für sich - in der Badewanne, bei der Hausarbeit, beim Autofahren oder auf dem Fahrrad. Aber dass Menschen gemeinsam außerhalb eines Chores miteinander singen - das finden Sie vielleicht noch auf dem Kirchentag oder beim Karneval.

Zeitzeichen:

Oder auf dem Fußballplatz.

HERMANN RAUHE:

Obwohl das ein anderes Singen ist, als das, was ich meine.

Zeitzeichen:

Gibt es also ein richtiges und ein falsches Singen?

HERMANN RAUHE:

Ich möchte lieber vom guten Singen sprechen. Das gute Singen, wie ich es meine, braucht das Hören auf den andern. Wenn man den anderen nicht mehr hört, sondern nur für sich allein singt, dann ist der Sinn des Singens verfehlt. Singen und Hören gehören ganz eng zusammen. Auch deswegen können Menschen, wenn sie gemeinsam singen, so viel mehr lernen als Melodien und Rhythmen. Sie lernen, aufeinander zu hören. Sie lernen, aufeinander Rücksicht zu nehmen, und sie erfahren, Teil einer Gemeinschaft zu sein. Und all das geschieht mit der ganzen emotionalen Körperlichkeit. Und, ich meine, diese Haltung des aktiven Zuhörens ist eine Grundtugend des sozialen Miteinanders.

Zeitzeichen:

Lassen Sie uns noch einmal auf die Privatisierung des Singens in Deutschland zurückkommen: Ist unser Verzicht auf das gemeinschaftliche Singen im öffentlichen Raum nicht gut begründet? Gerade in Deutschland ist das gemeinsame Singen sowohl in der Nazidiktatur, als auch in der DDR schwer missbraucht worden.

HERMANN RAUHE:

Das stimmt. Und dieser Missbrauch des Singens im Nationalsozialismus ist ein wichtiger Grund für das Verstummen der deutschen Gesellschaft bis heute. Adorno mit seinem Verdikt, Singen nach Auschwitz sei ein Verbrechen, ist an diesem Verstummen auch nicht ganz unschuldig. Ich interpretiere es auch als einen Ausdruck des tiefen Entsetzens über den umfassenden Missbrauch durch die Nationalsozialisten. Sich dem gemeinschaftlichen Singen zu verweigern war eine verständliche Gegenreaktion, aber eine falsche. Denn nicht jedes gemeinsame Singen ist schließlich Ergebnis einer Zwangssolidarisierung oder Mittel der Manipulation. Aber das gemeinschaftliche Singen birgt genau diese Gefahr, weil es die Singen den in Gefühle stürzen kann, die sie manipulierbar machen. Deswegen ist es wichtig, dass in einem Milieu der Freiheit gesungen wird. Freiwilligkeit und der Verzicht auf Zwang sind entscheidend. Musik ist natürlich ambivalent Wie ein Medikament. Sie kann heilen, und sie kann- überspitzt gesagt töten, Aber es kann doch nicht richtig sein, aus Angst vor der Manipulation von Emotionen auf das Singen und seine Emotionalität ganz zu verzichten? Meines Erachtens ist das ein paradoxes, sich selbst halbierendes Verhalten, aus der eine sterile Gesellschaft entkernter Rationalität hervorgegangen ist, die keine Kultur des Empfindens und der Empfindsamkeit entwiekeln kann.

Zeitzeichen:

Also spiegelt sich Ihrer Meinung nach der Art wie eine Gesellschaft mit dem Singen umgeht ihr Verhältnis zur Emotionalität'?

HERMANN RAUHE:

Ja. Denn im Singen verbinden sich Rationalität und Emotionalität. So entsteht eine balancierte Empfindsamkeit. Deswegen würde ich auch sagen, dass die Lebensqualität einer Gesellschaft daran gemessen werdei kann, inwieweit sie eine lebendige Alltagskultur des Singens hervorbringt. Denn die sagt immer etwas aus über die Art, wie in einer Gesellschaft mit Empfindungen umgegangen wird.

Zeitzeichen:

Hat es denn nicht auch in Deutschland immer gesellschaftliche Orte gegehen, an denen neue Lieder erfunden wurden, die zum Singen einluden?

HERMANN RAUHE:

Glücklicherweise gab es immer solche Nischen, in denen gesungen wurde. Die Kirchen bilden eine solche Nische. Die sozialen Bewegungen, seien es die Ostermarschbewegung oder später die Friedensbewegung, haben neue Lieder, eine neue Singkultur hervorgebracht. Auch Liedermacher wie Reinhard Mey, Hannes Wader oder Klaus Hoffmann haben schon ein Fundament für eine erneuerte Alltagskultur des Singens gelegt. Aber trotzdem: Im lebendigen Gewebe unserer Gesellschaft sind uns die bunten Fäden einer sich kontinuierlich mitentwickelnden Alltagskultur des Singens entglitten. Aufs Ganze bezogen, ist in der deutschen Bevölkerung ein rasanter Verfall der Fähigkeit zu singen zu verzeichnen.

Zeitzeichen:

Wie werten Sie denn den Erfolg von Volksmusiksendungen oder von Sendern wie MTV oder VIVA im Bereich populärer Musik mit Blick auf die Sangeslust in Deutschland?

HERMANN RAUHE:

Ich werte ihn als ambivalent. Ich sage ja nicht, dass die Menschen in Deutschland keine gesungene Musik mögen. Im Gegenteil. Ich stelle aber fest, dass die Menschen kaum selber singen. Sie hören Musik, sie konsumieren Musik, aber sie haben kaum noch eigenen Lieder. Wer sitzt denn schon vor dem Fernseher und singt mit? Ob ein Star singt, oder ob ich selber singe - das ist ein Riesenunterschied. Gleichgültig, ob ich „Die Winterreise" höre oder Volksmusik, wir haben uns das ist ein Prozess, der schon im 19. Jahrhundert begonnen hat - wegentwickelt von einer Umgangsmusik vom eigenen täglichen Umgang mit Musik zu einer Darbietungs- und Lautsprechermusik, die wir nur passiv aufnehmen.

Zeitzeichen:

Das heißt, die Musikprogramme in Radio und Fernsehen sind nicht förderlich zum Auflau einer neuen Alltagskultur des Singens?

HERMANN RAUHE:

Wohl eher nicht. Man könnte zwar sagen, die Medien tragen dazu bei, dass es neue Lieder gibt, die einer großen Zahl von Menschen bekannt sind, aber gleichzeitig passiert noch etwas anderes: Wenn diese Lieder nachgesungen werden, dann wieder in der Regel von einzelnen, die versuchen, ihrem Star so ähnlich wie möglich zu sein, und die von anderen dafür beklatscht werden. Womit wir wieder eine Variante der Darbietungsmusik hätten. Außerdem hat die technische Weiterentwicklung der Medien zu einer ständigen allgemeinen Verfügbarkeit von Musik geführt Und drittens haben sich die Hörgewohnheiten, die Maßstäbe dadurch verändert: Die Inszenierung des Singens in den Medien schürt einen verhängnisvollen Perfektionismus, Die Menschen verstummen.

Zeitzeichen:

An welchen Punkten setzt das Engagement von II canto del mondo an?

HERMANN RAUHE:

Wir arbeiten auf sehr unterschiedlichen Ebenen. Wir haben lokale Canto-Gruppen in diversen Großstädten, in denen es in Ergänzung zu klassischer Chorarbeit nicht um Leistung geht, sondern um die Einheit von Qualität und persönlichem Erleben der Singenden. Dann veranstalten wir Events, die zum Experimentieren mit der eigenen Stimme einladen, wie der Canto Sommer 2000 in Hamburg. Außerdem bemühen wir uns um Einflussnahme in bildungs- und gesundheitspolitischen Kontexten.

Zeitzeichen:

Stichwort PISA. Was sind den ihre Vorschläge mit Blick auf die Neuorganisation der schulischen Bildung?

HERMANN RAUHE:

Ich denke, dass die allgemeine Überbetonung der rationalen Dimension in den Lehrplänen der allgemeinbildenden Schulen, die Verwissenschaftlichung- auch im Fach Musik -im Grunde auf Kosten einer freien Entfaltung der Persönlichkeit geht. Verkürzt gesagt fördern wir überproportional die Entwicklung der linken Gehirnhemisphäre, wogegen die rechte Hemisphäre, die primär für das intuitive und analoge Denken zuständig ist, verkümmert.

Zeitzeichen:

Was heißt das konkret für die Lehrplangestaltung?

HERMANN RAUHE:

Es braucht mehr Raum für Kreativität. Es wäre schon ein großer Schritt, wenn es einen durchgehenden zweistündigen Musikunterricht gäbe, in dem das Singen einen wirklichen Ort hat. Wobei allerdings - vor allem in der Pubertät - gewährleistet werden muss, dass das in einer Atmosphäre der Freiheit geschieht, in der auch über Gefühle gesprochen werden kann. Zum Singen darf man nicht es machen. Deswegen ist es auch wichtig, schon früh bei Kindern die Lust am Singen zu wecken.

Zeitzeichen:

Aber wer soll das tun, wenn es stimmt, was Sie sagen, dass die Fähigkeit zu Singen in Deutschland verkümmert ist?

HERMANN RAUHE:

Wichtigste Bundesgenossen sind natürlich die Eltern beziehungsweise alle Menschen, die mit Kindern umgehen. Erzieher und Erzieherinnen beispielsweise - dafür setzen wir uns auch ein - müssen neu dafür qualifiziert werden, mit Kindern zu singen. II canto hat in diesem Jahr ein Pilot-Projekt gestartet, in dem Seniorinnen und Senioren ehrenamtlich regelmäßig mit Kindern im Kindergarten singen. Nach Abschluss der Pilotphase im kommenden Jahr können sich bundesweit Kindergärten beteiligen. Das Singen mit Kindern ist durch nichts zu ersetzen. Viele Kinder werden heute mit CDs und dem Fernseher groß. Dabei braucht das Singen die unmittelbare Erfahrung, das Körpergefühl. Es macht bereits inen emotionalen, körperlichen Unterschied, ob ein Kind in den Schlaf gesungen wird, oder ob es eine Spieluhr hört.

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